In: Peter
Lehmann, Schöne neue Psychiatrie. Band 2: Wie Psychopharmaka
den Körper verändern, Berlin: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag
1996 (E-Book 2026)
Peter
Lehmann
Über die körperlichen Risiken und Gefahren von
Psychostimulanzien wie zum Beispiel Ritalin insbesondere bei Kindern
Psychostimulanzien werden gerne zur Dämpfung von Kindern eingesetzt,
deren Lebendigkeit stört. Da diese Substanzen bei Erwachsenen
aufputschend wirken, gilt ihre ruhigstellende Wirkung bei Kindern
als paradox.
| WIRKSTOFF | | HANDELSNAMEN |
| Fenetyllin | | Captagon |
| Methylphenidat | | Ritalin |
| Pemolin | | Stimul, Tradon |
Vegetative Störungen
Allergische Reaktionen und Hypersensibilitätserscheinungen
wie zum Beispiel verminderte Anzahl roter und weißer Blutkörperchen zeigen
die körperlichen Anpassungsschwierigkeiten unter Methylphenidat 919.
Als Hypersensibilitätssymptome nannte das »Physicians
desk reference« außerdem Angina, Hautausschlag, Nesselsucht, Fieber,
Schmerzen in den Gelenken, durch Abblätterung und Abstoßung abgestorbenen
Gewebes gekennzeichnete Hautentzündung mit großlamellöser Schuppung,
Hautrötung, Blut- oder Lymphgefäßwandentzündung mit Zellsterben
sowie thrombozytopenische Purpura 1169:836.
An Hormonstörungen nannte man Appetitverlust und Gewichtsabnahme
177;250;373;622:594;1277:191f.;1674, Libidostörungen
und Impotenz 177. Die »Rote Liste«
erwähnt Appetitlosigkeit sowohl bei Captagon als auch bei Ritalin
und Tradon 178. Appetitverlust unter Methylphenidat
tritt speziell dann auf, wenn die Behandelten jünger als sechs
Jahre sind 1669. Aufgrund der durch die Psychostimulanzien
gestörten Ausschüttung von Wachstumshormonen wird das
Wachstum blockiert 1169:836, sowohl was das
Körpergewicht als auch die Körpergröße betrifft.
Hier kommen beide Extreme in Betracht, eine akute oder chronisch
erhöhte Ausschüttung oder ein verzögertes Längenwachstum
373;407;926:288;1014;1169:836;1301. Dies kann
auf die Appetitlosigkeit zurückgehen, den damit einhergehenden
Gewichtsverlust oder auf andere Hormonstörungen 538.
Den Appetitverlust versuchen manche Psychiater mit Neuroleptika
zu neutralisieren. Whalen und Henker kritisierten, dass sich die
Untersuchungen methylphenidatbedingter Wachstumsstörungen auf
das vorpubertäre Alter beschränken, Informationen zur
Pubertät und danach nicht vorliegen 1620.
Auch Informationen zur Wirkung von Psychostimulanzien auf die kindliche
Sexualität und die Sexualorgane fehlen. Dabei ist bei Erwachsenen
bei einmaliger oder seltener Einnahme mit Libidoerhöhung und
Potenzsteigerung zu rechnen, bei ständiger Einnahme hoher Dosen
mit starker Libidoverminderung und Erektionsschwächen, die
bis zu ausbleibender Erektion und Ejakulation führen können
397:50. Bei erwachsenen Männern kann
Pemolin die Vergrößerung der Prostata bewirken 2.
Kindern wird häufig die Sexualität abgesprochen, und so
macht man es sich auch bei der Verabreichung von Psychostimulanzien
recht einfach, wenn man die Frage nach der Auswirkung einer libidodämpfenden
oder -steigernden Wirkung auf die kindliche Sexualität, einen
wichtigen Teil des Reifeprozesses, sowie auf die sich entwickelnden
primären und sekundären Sexualorgane unter den Tisch kehrt.
Ausreichende Erfahrungen über die
Verabreichung von Ritalin während der Schwangerschaft liegen laut »Rote
Liste« nicht vor, auch nicht zur Frage, inwieweit die Substanz in die Muttermilch
übergeht 177:259. Regulationsstörungen der
Körpertemperatur zeigen sich im Absinken der Hauttemperatur unter Ritalin
1277:191f. sowie in starkem Schwitzen 177. Am
Herzen können Captagon, Ritalin und Tradon Herzjagen und starkes Herzklopfen
auslösen 178;373;1277:191f., Rhythmusstörungen
und pektanginöse (mit Herzschmerzen wie bei Angina pectoris einhergehende)
Beschwerden 177. Unter der Kombination mit Psychopharmaka,
die ähnliche Wirkungen haben können, ist das Risiko von Herzmuskelattacken
erhöht 160:382. Den Kreislauf betreffend, kann
es unter Captagon und Ritalin zu Puls- und Blutdruckanstieg kommen 178;373;1217;1277:191f.
, unter Captagon, Ritalin und Tradon zu Schwindel 178.
Die unter Methylphenidat erhöhte Herzschlagfolge und der Blutdruckanstieg
können unter Stress zu verminderter Sauerstoffversorgung führen, möglicherweise
infolge erhöhten Strömungswiderstands durch verengte Blutgefäße
1620. Ritalinbedingte Schleimhautstörungen zeigen
sich als Ödeme, Mundtrockenheit oder Mundschleimhautentzündung 177;373;1277:191f.. Im
Magen-Darm-Bereich können Durchfall und Verstopfung auftreten, Übelkeit,
Erbrechen, Magen- und Bauchschmerzen 177;1277:191f. sowie
Bettnässen 1612:24. Die »Rote Liste« warnt
vor Magenschmerzen, Durchfall und Verstopfung bei Captagon, Ritalin und Tradon,
bei der letztgenannten Substanz zusätzlich vor Leberfunktionsstörungen
und Brechreiz 178. Werden beispielsweise wegen methylphenidatbedingter
Depressionen zusätzlich Antidepressiva verabreicht, potenziert sich die Leberbelastung
545. Mit Magenschmerzen und Appetitverlust ist bei Dextro-Amphetamin
zu rechnen 1674, mit Leberfunktionsstörungen bei Pemolin
2. An möglichen Blutbildschäden unter Captagon
und Ritalin erwähnt die »Rote Liste« die Verminderung der Blutplättchen
178. Die US-amerikanische Herstellerfirma von Cylert (Wirkstoff
Pemolin) berichtete von einzelnen Fällen aplastischer Anämie bei der
Einnahme ihres Produkts 2.
Hautschäden unter Methylphenidat treten als Ausschläge,
Hautschwellungen und angioneurotische Ödeme (Andickungen der
Haut, besonders im Gesicht, an den Fingergelenken oder am Hodensack)
auf 177;373. Haut- und Nesselausschläge
nennt die »Rote Liste« bei Captagon, Ritalin und Tradon,
Andickungen der Haut, besonders im Gesicht, an den Fingergelenken
oder am Hodensack bei Captagon und Ritalin, Bindehautentzündung
bei Captagon 178. DeQuardo und Tandon berichteten
von Stevens-Johnson-Syndromen, die unter Methylphenidat auftreten
können. Dies sind lebensgefährliche, entzündlich-allergische
Haut-Schleimhaut-Erkrankungen mit anhaltendem Fieber und Symptomen
der Allgemeininfektion, Bronchitis, Lungenentzündung, schwerer
Bindehautentzündung, eventuell einhergehend mit Hornhautgeschwüren,
Entzündung der Halbschleimhäute an Mund, Nase, Genitale
und Anus, der äußeren Genitale einschließlich der
Scheide bzw. der Eichel. Nicht nur bei Erwachsenen kann Methylphenidat
eine durch Abblätterung und Abstoßung abgestorbenen Gewebes
gekennzeichnete Hautentzündung mit großlamellöser
Schuppung auslösen 1600, auch Kinder
können unter dieser Hauterkrankung leiden, so Lucas und Morris
Weiss. Sie stellten den Fall eines sechseinhalbjährigen Mädchens
vor, dem man wegen Hyperaktivität und Hyperemotionalität
Methylphenidat verabreicht hatte. Auch hier zeigte sich wieder das
parallele Auftreten psychischer und körperlicher Störungen.
Dem Mädchen gab man drei Tage lang jeweils 5 mg morgens und
drei weitere Tage 5 mg zweimal täglich sowie am ersten Tag
zum Einschlafen zusätzlich 25 mg Chlorpromazin. Bald fingen
die Probleme an:
Im Lauf der ersten zwei Behandlungstage
wurde die Patientin »schrullig« und hatte somatische Beschwerden. Am
Tag 3 jedoch wurde sie so kooperativ und entspannt, dass ihre Eltern berichteten:
»Sie war eine Freude.« Am Tag 7 zeigte sie große Unruhe und Hyperaktivität
und blieb bis 1 Uhr früh wach. Am nächsten Tag schien sie unbeteiligt
und »fremd« und grimassierte häufig. Am Tag 9 wurde ihr Verhalten
äußerst bizarr. Sie kauerte in einer Ecke und versteckte sich im Klo.
Sie war apathisch und stumm geworden, auf Fragen ihrer Eltern konnte sie nicht
antworten. Diese erklärten, sie sehe aus, als ob sie »nur noch dahinvegetiere«.
Gelegentlich schrie sie und schlug unwillkürlich zu. Sie begann unzusammenhängend
zu plappern, starrte mit glasigen Augen in die Gegend, grimassierte und verdrehte
ihren Körper. Beim Essen stopfte sie enorme Mengen Nahrungsmittel in den
Mund. Die letzte Dosis Methylphenidat gab man ihr am Tag 9. Am Abend des Tages
10 erhielt sie wegen ihrer Schlaflosigkeit 100 mg Pentobarbital Sodium. An jenem
Tag verhielt sie sich etwas bizarr, aber sie besserte sich. Am Tag 11 war sie
nicht mehr schwer gestört oder desorientiert, aber sie blieb recht schwierig
zu handhaben. Am Tag 12 hatte sich das Verhalten wieder eingestellt, wie es vor
der Behandlung war. Die Eltern bemerkten, dass sich auf ihrer Kopfhaut eigenartige,
unregelmäßige Stellen von Alopezie (Haarausfall, Glatze) gebildet
hatten. Sie waren sicher, dass sie ihre Haare nicht ausgerissen und dass sich
die Alopezie von alleine entwickelt hatte. Mit der Zeit wuchsen die Haare nach,
aber dünne Flecken sind geblieben. 981:1079 Sehstörungen,
Anpassungsprobleme beim Sehen und Blicktrübung, verschlechterte Sehschärfe
und Pupillenweitstellung, die zu einem Engwinkelglaukom führten, wurden ebenfalls
in Zusammenhang mit Methylphenidat erwähnt 317;1169:836.
Als weitere mögliche Augenstörungen gelten Bindehautentzündung
177;373 sowie verschwommenes Sehen 1277:191f.
. HäufigkeitsangabenZur Häufigkeit von
Methylphenidatschäden gibt es sehr wenige Aussagen. Jedes fünfte methylphenidatbehandelte
Kind sei von Gewichtsverlust betroffen, so Gabrielle Weiss und Kollegen 1612.
Gewichtsverlust fanden Mitarbeiter der Universitätsanstalt Baltimore gar
bei 79 % der getesteten Kinder in einer Fürsorge- sowie einer psychiatrischen
Einrichtung, bei der Placebogruppe nur bei 3 % 250. Bauchschmerzen
sind unter Methylphenidat laut dem britischen Neurologen John Duncan allgemeine
Erscheinungen 373, und Michael Rancurello und Kollegen der
Universitätsanstalt Pittsburgh schrieben, ohne allerdings Zahlenangaben zu
liefern: Die am häufigsten berichteten Nebenwirkungen dieser
Medikamentenklasse sind Schlaf- und Appetitlosigkeit. Gewichtsverlust, Bauchbeschwerden,
Übelkeit und Kopfschmerz werden ebenfalls recht häufig erwähnt.
1217:79 DeQuardo und Tandon fügten ihrem
Bericht über Augenstörungen an, dass »... alle diese Nebenwirkungen
unter therapeutischen Dosierungen auftreten können...« 317:253
Diese Aussage gilt für alle anderen genannten Schäden ebenso. Psychiater
der Universitätsanstalt Auckland/Neuseeland berichteten von veränderter
Herz- und Atemtätigkeit bereits in Dosierungen weit unter den üblichen
Mengen 21. Die langfristigen Folgen des künstlich erhöhten
Herzschlags und Blutdrucks seien bedenklich und zudem noch völlig unerforscht,
so Whalen und Henker 1620. Mit steigender Dosis erhöht
sich die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Behandlungsschäden kommt. Muskel-
und BewegungsstörungenZuckungen im Gesicht, Sprachstörungen,
unfreiwillige Bewegungen von Lippen und Zunge, die erst bei Reduzierung der Methylphenidatdosis
wieder abklangen, beschrieben Gordon Millichap von der Neurologischen Abteilung
des Children's Memorial Hospital in Chicago und Kollegen. Bei einem Versuch, die
Dosis wieder zu steigern, stellten sich erwartungsgemäß erneut Muskelstörungen
ein, dieses Mal anfallartige Symptome 1057. Gelegentlich
löst Methylphenidat Muskelzittern 1277:191f. oder Gliederschmerzen
177 aus. Auch Zwangsbewegungen können auftreten. Die
Kinder können unter Tics 373;1277:191f.;1612 und anderen
Muskelstörungen insbesondere im Gesicht und am Mund leiden 177.
Laut Rancurello und Kollegen pressen sie dann die Lippen oder die Unter- und Oberkiefer
ständig mechanisch zusammen, kauen auf den Wangenschleimhäuten oder
zupfen an der Haut der Handteller oder neben den Fingernägeln herum 1217.
Remschmidt berichtete von der Möglichkeit einer verstärkten Hypermotorik
1241. Die Muskelstörungen können sich steigern
bis zum Tourette-Syndrom 1169:836: motorischen, im Affekt
eventuell zu veitstanzartigem Sturm gesteigerten Tics im Gesicht wie zum Beispiel Schnaufen,
Räuspern, Schnalzen und Ausspucken sowie in anderen Regionen, begleitet eventuell
von Kotsprache, zwanghaftem Nachsprechen der Worte, Sätze, Wort-
und Satzenden, von Nachahmung der Sprache und Bewegung, von Bellen und unmotiviert
scheinenden Wutausbrüchen. In seltenen Fällen bleibt das Tourette-Syndrom
nach Absetzen des Methylphenidat bestehen 373.
Von den anderen Psychostimulanzien wurden ebenfalls gelegentliche
Muskel- und Bewegungsstörungen gemeldet: Tourette-Syndrome, dyskinetische
Störungen an Zunge, Lippen, Gesicht und Gliedmaßen, Augenmuskelzittern
und -krämpfe unter Pemolin 2, Gelenkschmerzen
und Dyskinesien im Mund- und Gesichtsbereich unter Captagon, Tics
unter Captagon und Tradon 178, Muskelzittern
1674, Dyskinesien (zum Beispiel zwanghafte Kieferbewegungen),
Grimassieren und muskelkrampfartige und veitstanzartig-unkontrollierte
Bewegungsstörungen unter Dextro-Amphetamin 414;1015.
Quellen siehe: Peter
Lehmann, Schöne neue Psychiatrie. Band 2: Wie Psychopharmaka
den Körper verändern, Berlin: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag
1996 (E-Book-2026)
Psychische und zentralnervöse Risiken und Gefahren von Psychostimulanzien
wie zum Beispiel Ritalin bei Kindern siehe Schöne
neue Psychiatrie. Band 1: Wie Chemie und Strom auf Geist und Psyche
wirken, Berlin: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag 1996 (E-Book-2026)
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